
Andrea Gontijo
Divino Oficio
Es gibt im brasilianischen Möbeldesign eine Jahrhundertealte Tradition. Begonnen hat es damit, dass die portugiesischen Eroberer und Siedler – insbesondere die adligen Lehnsherren – Möbel im Stil ihrer Heimat mitbrachten. Das vermischte sich bald mit den lokalen Möglichkeiten hinsichtlich der Hölzer und Farben, aber auch der Herstellung. Dann kam die große Zeit des brasilianischen Barock und der einzigartigen Kirchenbauten. Die Innenausstattung aus Holz, die kunstvollen Strukturen, Ornamente und deren Bemalung mit Naturfarben werden heute in Orten wie Ouro Preto von mehreren tausend internationalen Besuchern bewundert.
Die Religion war eng verbunden mit dem täglichen Leben, so dass von der sakralen Kunst starke Einflüsse ausgingen. Die Farben waren vergänglich, aber zu allen Kirchenfesten wurden sie neu aufgetragen, in dem Farbton, der gerade verfügbar war, mit Wasser ausgelöst aus den farbigen Böden Brasiliens. So kam Schicht auf Schicht, wurde durch Gebrauch und Einfluß der Natur wieder abgelöst und bei nächster Gelegenheit übermalt.
Wer Brasilien bereist, sich für Kunst und Geschichte interessiert, sollte sich für diese Sehenswürdigkeiten Zeit nehmen. Andrea Gontijo, aufgewachsen auf einer Fazenda im inneren des Staates Minas Gerais, interessierte sich mit Begeisterung für die Überlieferungen ihrer Vorfahren: die Gebäude, die Möbel, die kleinen Kirchen, die zu jeder Fazenda gehörten. Sie studierte Kunst und Architektur, und die dekorative Malerei auf Möbeln und anderen Gebrauchsgegenständen aus Holz wurde ihre Leidenschaft. Das Geld verdiente sie allerdings als Vorstandssekretärin in einem deutschen Großunternehmen in Brasilien.
1997 entschloß sich Andrea Gontijo jedoch, ihren Neigungen und Begabungen zu folgen. Dabei wollte sie nicht mehr nur die Naturfarben und die barocken Ornamente zu neuem Leben erwecken, sondern auch die Details der Konstruktion der historischen Möbel sowie die Beschläge. Und es sollten vornehmlich die alten Hölzer verwendet werden.
Nach wenigen Jahren war Andrea Gontijo vertraut mit allen Einzelheiten, leitet ihre eigene Möbel-Werkstatt, entwirft und bemalt alle Modelle selbst. Und hatte spontan Erfolg nicht allein in Brasilien sondern ebenso in den USA. Seit dem Start mit einer Ausstellung im Stilwerk in Hamburg (2005) ist nun auch der Kunst- und Möbelmarkt Europas an ihren Möbeln und innenarchitektonischen Lösungen für private Räume, aber auch Restaurants, Ladengeschäfte und Büros interessiert.
Alle Möbel Andrea Gontijos werden in ihrer Struktur zwar historischen Vorbildern nachempfunden, sind aber originäre Designs. Die groberen, rustikalen Stücke sind dem täglichen Leben der Fazenda-Besitzer, aber auch ihrer Sklaven entlehnt, die feineren Linien und üppigen Formen sowie Farben sind von der Innenausstattung brasilianischer Barock-Kirchen inspiriert. Die bleischweren Tropenhölzer stammen aus dem Abbruch alter Gebäude – madeira demolição wie es auf Portugiesisch heißt; eines Tages wird es sie nicht mehr geben und die daraus hergestellten Möbel bekommen Sammlerwert. Eine weitere Besonderheit ist die Oberflächenbehandlung und Bemalung mit Naturfarben nach den historischen Vorbildern. Kein Außenstehender ist bei diesem zeitaufwendigen Prozeß zugelassen. Eine wahrhaft göttliche Handwerkskunst – Divino Oficio.